Lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung – Wie lässt sich das in der Praxis gestalten?


Arbeitszeitmodelle auf Lebensphasen hin auszurichten, gewinnt mit zunehmender Mitarbeiterorientierung an Bedeutung. Sowohl die Jüngeren der Generation Y wie die Älteren der Baby-Boomer-Generation streben nach work-life-balance. Familienphasen, die Pflege Angehöriger, Fortbildung und Sabbaticals sind Anlässe für den Wunsch nach mehr Flexibilität. 

Das Forum befasst sich mit Arbeitszeitmodellen in drei Themenbereichen: 

  • Ältere Mitarbeiter/-innen und Schichtarbeit
  • Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf
  • Flexibler Renteneinstieg

Das Forum hat sich unter der Leitung von Cornelia Zimmermann, tesa Werk Hamburg GmbH/Werk Hausbruch, zunächst mit der gesundheitsverträglichen Gestaltung von Schichtarbeit auseinandergesetzt. In den Jahren 2012 bis 2013 präsentierten die Airbus Operations GmbH, die tesa Werk Hamburg GmbH, die Drägerwerk AG & Co. KGaA und die Hamburger Hochbahn Ihre Arbeitszeitmodelle. Anschließend fand im jeweiligen Unternehmen eine Betriebsbesichtigung statt.

Informationen zur gesundheitsverträglichen Gestaltung von Schichtarbeit finden Sie auf der Website des Projektes „Arbeitszeit klug gestalten“ der RKW Hessen GmbH.

Eine Checkliste Nacht- und Schichtarbeit finden Sie hier

Bisherige Veranstaltungen:

 

Kaminabend bei der Dräger Safety AG & Co. KGaA

"Alternsgerechte Arbeitszeitmodelle - Neue Schichtmodelle in der Produktion"

Beim ersten Kaminabend des Demographie Netzwerkes Hamburg am 27.08.2013 nutzten 20 Teilnehmer/-innen die Möglichkeit, die Dräger Safety AG bei einem Rundgang durch die Fertigungshallen der Sicherheits- und Medizintechnik und in einem anschließenden Vortrag über ein neues Modell der Schichtarbeit kennen zu lernen. Daran schloss sich ein intensiver Austausch zwischen den Teilnehmer/-innen über ihre Erfahrungen mit der Gestaltung von Schichtarbeit an.

Die Dräger Safety AG & Co.  ist einer der weltweit führenden Hersteller von Personenschutzausrüstungen und Gasmesstechnik sowie Systemanbieter kompletter Sicherheitsdienstleistungen in der Industrie, im Brandschutz, im Bergbau und in anderen Branchen. Die Palette der in Deutschland hergestellten Produkte reicht vom Feuerwehranzug  über ein großes Sortiment an Gas- und Atemschutzmasken hin zu Drogen- und Alkoholtestgeräten. Noch heute werden Mitarbeiter/-innen des Rettungswesens im Bergbau und bei der Feuerwehr in den USA auf Grund der Atemschutzgeräte der Drägerwerke als „Drägermen“ bezeichnet.

Nach der spannenden einstündigen Besichtigung stellte Matthias Reessing, HR Manager Operations, die globale Organisationsstruktur des Unternehmens vor. Anschließend referierte seine Mitarbeiterin Anne Manitz über das aktuell laufende Projekt zu Verbesserung des Schichtsystems. Dabei gehe es in erster Linie darum, die Belastungen aller Mitarbeiter zu senken und die Schichtarbeit flexibler an die Bedürfnisse der Mitarbeiter/-innen anzupassen. Das Werk in Lübeck arbeitet derzeit in einer 5 Tage-Woche, wobei die Produktion hauptsächlich in einem 3-Schicht-System fertigt. Da die rückwärts rollierenden Schichten (Nacht, Spät, Früh) als auch die seltenen Schichtwechsel der einzelnen Mitarbeiter/-innen sich aus Sicht der Arbeitswissenschaft negativ auf Gesundheit und Sozialkontakte der Belegschaft auswirken, sollen alternative Strukturen entwickelt werden. Ein Projektteam aus Betriebsrat, Betriebsärztin, Führungskräften, Mitarbeitern/-innen und Personalabteilung sorgt dafür, dass möglichst viele Sichtweisen in den Entwicklungsprozess mit einfließen.

Nach eingehender Strukturanalyse und Literaturrecherche zeigte eine Mitarbeiterbefragung zum Schichtsystem einen evidenten Unterschied zwischen den Wünschen der Betroffenen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen über Belastungen durch Schichtarbeit. Bevorzugt werden immer gleiche Schichten und Nachtschichten, obwohl die Forschungsergebnisse genau vor diesen warnen. Ausschlaggebend sind die zusätzliche Vergütung der Nachtschicht, als auch die ruhigere Arbeitsumgebung. Um gesundheitserhaltende Veränderungen auf den Weg zu bringen, hat sich das Projektteam entschlossen, die Mitarbeiter/-innen in Workshops für die Auswirkungen der unterschiedlichen Schichtsysteme zu sensibilisieren und mit einer Pilot-Gruppe anschließend ein neues System zu erproben. Die praktische Anwendung hält das Team für notwendig, um Verbesserungen spürbar zu machen und Gewohnheiten zu durchbrechen.

Der Betriebsrat wies ausdrücklich auf die Bedeutung der Kommunikation zwischen Führung und Mitarbeitern/-innen hin. Nur wenn alle einbezogen würden, könne das Vertrauen der Belegschaft gewonnen und ein erfolgreicher Veränderungsprozess vollzogen werden.
In der Diskussionsrunde erhielt Dräger viel positives Feedback, insbesondere für die gute Zusammenarbeit aller Akteure und die Offenheit gegenüber Anregungen der Mitarbeiter/-innen. Das Thema Nachtarbeit wurde intensiv diskutiert, da mehrere Unternehmen hier Handlungsbedarf sehen. Die Anwesenden sprachen sich gegen einen freiwilligen Verbleib in der Nachtschicht über längere Zeiträume aus, weil das Unternehmen auch Verantwortung für die Gesundheit der Mitarbeiter/-innen trage.

Als Fazit des Abends kann festgehalten werden, dass Umstellungen viel Zeit in Anspruch nehmen, dass Unternehmen ganzheitlich zu betrachten sind und dass alle Mitarbeiter/-innen einbezogen werden müssen. Auch neue Ideen nahmen die Teilnehmer/-innen mit, z. B. die Nachtschicht nicht finanziell sondern durch Freizeit auszugleichen.

Den Austausch zum Thema „Arbeitszeitmodelle – Schichtarbeit in der Praxis“ können interessierte Unternehmen am 18. Oktober 2013, von 10:00 bis 12:45 Uhr, bei der Bayer Material Science Aktiengesellschaft in Brunsbüttel fortsetzen. Für Anmeldungen wenden Sie sich bitte an die Netzwerkkoordinatorin, Susanne Sabisch-Schellhas, unter schellhas@kwb.de.

Alle weiteren Termine der Netzwerke finden Sie unter http://hamburg.ddn-regionalnetzwerk.de.

Download Vortragsfolien “Projektvorstellung  Alternsgerechte Arbeitszeitmodelle in der Dräger Safety“ 

Forum lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung:

„Arbeitszeitmodelle – Schichtarbeit in der Praxis am Beispiel der Hamburger Hochbahn AG"
Jan Kobza, Betriebshofmanager des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV), stellte den knapp 20 Teilnehmern/-innen des Forums zur lebensphasengerechten Arbeitszeitgestaltung am 9. August 2013 in der Leitstelle des Hochbahn-Hauses den Aufbau des betriebseigenen Schichtsystems vor. In Harburg ist Herr Kobza derzeit für knapp 300 Busfahrer/-innen zuständig, die sich im Schichtbetrieb abwechseln. Insgesamt betreibt der HVV fünf Betriebshöfe im Hamburger Großbereich. 

Blick in die Leitstelle der Hamburger Hochbahn AG.

Der Referent stellte zunächst das allgemeine Schichtsystem vor, welches sechs Arbeitstage und anschließend drei freie Tage vorsieht. Dabei würde darauf geachtet, dass Früh- und Spätschichten möglichst gesundheitsverträglich kombiniert werden, um ausreichend Ruhezeiten gewährleisten zu können. Der Busbetrieb beinhalte zudem die Besonderheit, dass auch geteilte Dienstpläne vergeben werden müssten, da zu den Stoßzeiten deutlich mehr Busse benötigt werden als beispielsweise in der Mittagszeit. Die Busfahrer/-innen hätten jedoch die Möglichkeit, im Laufe der Jahre in das Schichtsystem 5/2 zu wechseln, das eine normale Fünftagewoche mit freiem Wochenende vorsieht. Herr Kobza erläuterte der Arbeitsgruppe, dass das Busunternehmen keine Probleme habe, die Nachtschichten zu besetzen.

Ein geringeres Verkehrsaufkommen und deutlich weniger Fahrgäste würden die Stressfaktoren verringern, die im innerstädtischen Busbetrieb normalerweise auftreten, und so die Nachtschicht attraktiver machen. Bei der Besetzung der Nachtschicht gingen die Erfahrungen der Teilnehmer/-innen stark auseinander. So haben einige Unternehmen große Probleme, diese Schicht zu besetzen, während in anderen Betrieben, verstärkt durch monetäre Anreize, keine Schwierigkeiten auftreten. Auch die Bereitschaft von jungen und älteren Mitarbeitern/-innen zur Nachtarbeit ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich.

Das Forum diskutierte anschließend sehr angeregt über die Frage, ob auch dann negative Auswirkungen auf die Gesundheit auftreten, wenn die Mitarbeiter/-innen freiwillig in der Nachtschicht arbeiten. Aktuelle Daten über den Gesundheitszustand in Verbindung mit den einzelnen Schichtsystemen könnten Aufschluss darüber geben.

Die Teilnehmer/-innen des Forums zeigten sich positiv überrascht von der niedrigen Krankenquote (ca. 5 Prozent) des harburgischen Betriebshofes. Das gute Betriebsklima scheint hierfür ursächlich zu sein. Dazu tragen die Diensteinteiler bei, die nach Möglichkeit die Wünsche der Busfahrer/-innen an den Dienstplan berücksichtigen und die ebenso wie weitere leitende Mitarbeiter/-innen bei Engpässen einspringen und selbst eine Schicht fahren.

Des Weiteren berichtete Herr Kobza von der internen Arbeitsgruppe „Vereinbarkeit Beruf, Familie und Freizeit“, die zurzeit neue Turnusarten erarbeitet, um individuellere Schichtsysteme anbieten zu können. In der Diskussion bestand darüber Konsens, dass über das Angebot altersgerechter Arbeitszeitmodelle hinaus flexible Lösungen gesucht werden sollten, welche die individuellen Bedürfnisse berücksichtigen, die auch innerhalb einer Altersgruppe unterschiedlich sind.

Herr Hübener, Fahrbereichsleiter der HOCHBAHN, stellt die Leitstelle vor.

In der Feedback-Runde wurden anschließend Themen und Anregungen für die folgenden Veranstaltungen gesammelt. So möchte das Forum in Zukunft einzelne Zielgruppen in den Fokus nehmen, z. B. leistungsgewandelte Mitarbeiter/-innen und Ältere. Ein weiteres Thema ist die Kommunikation im Unternehmen und die Frage, wie es gelingt, Mitarbeiter/-innen für die Nachtschicht zu gewinnen.

Einhellig wurde der Wunsch geäußert, weitere Arbeitszeitmodelle aus anderen Unternehmen kennenzulernen. Beim nächsten Forum im Oktober 2013 wird Andrea Reinecke das Schichtmodell der Bayer Material Science Aktiengesellschaft vorstellen.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurden die Teilnehmer/-innen durch die Leitzentrale des Hamburger Busbetriebs geführt und hatten die Möglichkeit, Fragen zur Koordination und Handlungsweise bei Störfällen zu stellen.

Das nächste Treffen zum Thema „Schichtarbeit“ findet am 27. August 2013 bei der Dräger AG in Lübeck statt. Um 15:00 Uhr startet die Veranstaltung mit einer Betriebsbesichtigung und einem anschließenden Vortrag zum Thema „Alternsgerechte Arbeitszeitmodelle – Neue Schichtmodelle in der Produktion". Für Anmeldungen wenden Sie sich bitte an die Netzwerkkoordinatorin, Susanne Sabisch-Schellhas, unter schellhas@kwb.de. Alle weiteren Termine der Netzwerke finden Sie unter http://hamburg.ddn-regionalnetzwerk.de.

Dowload Vortragsfolien Jan Kobza, Hamburger Hochbahn AG,, „Präsentation Hamburger Hochbahn AG“

Potenzialorientierte Personalarbeit als Antwort auf den demografischen Wandel

In einem engagierten Vortrag überzeugte die Diversity Managerin Dr. Leena Pundt mehr als 60 Gäste von der Neuausrichtung der strategischen Personalarbeit bei der Otto Group. Das Unternehmen reagiert mit einem umfassenden Diversity Management auf die Herausforderungen des demografischen Wandels, hat aber auch andere gesellschaftliche Veränderungen, wie z. B. die zunehmende Individualisierung und den Wertewandel, im Blick.


Den Prozess haben die Mitarbeiter/-innen durch vermehrt auftretende Bedarfe nach veränderten Arbeitsbedingungen und Karrierewegen ausgelöst. Otto hat reagiert und den Ansatz der lebensphasenorientierten Personalarbeit gewählt, um die Zufriedenheit und Motivation der Beschäftigten zu erhöhen. „Die Otto Group setzt bewusst auf eine Unternehmenskultur der Vielfalt um Potenziale zu entwickeln, Potenzialträger zu binden und offen für neue Mitarbeiter zu sein“, so Dr. Leena Pundt.


Die Konzernzentrale tritt dabei als interner Dienstleister auf. Unter Berücksichtigung der  Lebensumstände ihrer Mitarbeiter/-innen erarbeitet sie zusammen mit den Konzernfirmen passende Lösungen. Dabei werden die Erfahrungen anderer Unternehmen aus dem Konzernverbund im Sinne von Best-Practice-Beispielen genutzt. Personalleiter/-innen haben Zugang zu einer „Toolbox“, in der konzernweite Maßnahmen und dezentral zu erreichende Ansprechpartner/-innen aufgeführt sind. Durch ein entsprechendes Diversity Controlling sorgt die Otto Group für eine nachhaltige Entwicklung und misst die Veränderungen mithilfe von Kennzahlen, die den wirtschaftlichen und sozialen Mehrwert der Strategie „Vielfalt“ sichtbar machen.

Ein weiterer Baustein der neu ausgerichteten Personalarbeit ist die 2012 gegründete Senior Experts Consultancy. Damit reagiert die Otto Group auf den immer stärker spürbaren Fachkräftemangel. Mit dem neuen Unternehmen hat sie eine Möglichkeit geschaffen, das sehr spezifische Fachwissen ihrer Pensionäre projektbezogen weiter für den Konzern zu nutzen. Im Sinne des Diversity Managements steht dabei auch ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Jung und Alt im Fokus. Von dem ökonomischen Nutzen des mittlerweile etablierten Projekts ist das Unternehmen überzeugt. Beim Aufbau wurde sich mit dem Autozulieferer Bosch intensiv ausgetauscht, der mit der Bosch Management GmbH seit 1999 bereits das Modell einer Pensionärsfirma in die Praxis umgesetzt hat.

Im Anschluss informierte Susanne Sabisch-Schellhas über aktuelle Aktivitäten des Demographie Netzwerks Hamburg und lud die Veranstaltungsteilnehmer/-innen für das kommende Netzwerktreffen am 13. November 2012 zum Thema „Strategische Personalplanung“ ein. Interessierte können sich bei ihr telefonisch unter 040 334241-415 oder per E-Mail, schellhas@kwb.de, informieren und anmelden.

Vortrag von Dr. Leena Pundt zum Download